04.10.2010
AUSTRIAN CONSPIRACY - OUT OF THE WILD II Unter dem Titel "Austrian Conspiracy - Out of the Wild II" arbeitet der Lehrstuhl für Architekturtheorie dieses Semester an einem Entwurfs- und Forschungsprojekt, dass letztendlich in einer Ausstellung, einer Serie von Veröffentlichungen und einer Website über eine Reihe wichtiger Theoretiker resultieren soll. Otto Neurath (1882-1945), Friedrich Kiesler (1890- 1965) und Christopher Alexander (1936) haben alle vier eine umfassende Entwurfstheorie ausgearbeitet, die auf wissenschaftlichen und analytischen Untersuchungen fußt. Alle vier haben diese Untersuchungen auf die Frage bezogen, ob man die Planung unserer gebauten Umgebung auch von unten nach oben organisieren kann. Sie fangen von den kleinen und kleinstmöglichen Einheiten an und entwickeln von da ab komplexe Systeme, Methoden und Organisationsformen, wobei nicht selten anonyme und natürliche Architekturen als Inspirationsquelle oder sogar als Vorbild genommen werden.
Neurath, Kiesler und Alexander sind die Planer des Emergenten. Sie verstehen ihr eigenes Wissen, wie Neurath das formuliert hat, als ein Schiff, das ständig auf offenem Meer repariert und neuen Bedingungen und Einflüssen angepasst werden muss. Neurath, Kiesler und Alexander sind daher nicht nur Theoretiker, sondern auch Praktiker. Nicht zuletzt sind sie alle drei wichtige Vordenker für das WorldWideWeb, für Softwareentwicklung und parametrisches Entwerfen. Sie sind wegen dieser Vorreiterrolle ausgewählt worden, aber auch weil sie aufgrund ihrer unterschiedlichen Generationszugehörigkeit die Entwicklungsstufen von Architektur- bzw. Entwurfstheorie, die zugleich Analyse- und Entwurfsinstrument sein kann, im 20. und 21. Jahrhundert repräsentieren.
Neurath, Kiesler und Alexander sind gebürtige Österreicher, die früher oder später in ihren Leben ausgewandert sind. OUT OF THE WILD befasst sich damit, die Zusammenhänge zwischen ihren Auffassungen und Methoden wieder Sichtbar zu machen, als wäre es eine Verschwörung: die Austrian Conspiracy. Darin spielen auch noch andere gebürtige Österreicher Architekten, Designer und Denker wie Herbert Bayer (1900-1985), Bernard Rudofsky (1905-1988), Karl Popper (1902-1994) Roland Rainer (1910-2004) und möglich noch andere eine Rolle. Um diese Verschwörung auf zu decken werden wir zunehmend in Archive wie die der Kiesler Stiftung in Wien, das Institut der Wiener Kreis, die Nationalbibliothek, das GTA Archiv der ETH Zürich und möglich auch die Otto und Marie Neurath Collection an der University of Reading. Bei der Erforschung der Querbezüge werden wir so viel wie möglich versuchen innovative Methoden wie die Website OUTOFTHEWILD.EU ein zu setzen.
Der Arbeitstitel Out Of The Wild stellt die Umkehrung des Titels Into The Wild dar, ein Film von Sean Penn, der die wahre Geschichte eines jungen Amerikaners erzählt, der sich dafür entscheidet, der Gesellschaft den Rücken zu kehren, um alleine in der wilden Natur von Alaska zu leben und dabei letztendlich stirbt. Implizit wird dadurch die Bedeutung der Gesellschaft als „kollektives Immunsystem“ (Peter Sloterdijk) klar. Gleichwohl sind wir uns nach Ulrich Beck darüber bewusst, dass „jeder Versuch, mit einem neuen Konzept sozialen Zusammenhalt zu erzeugen, von dem Wissen ausgehen muss, dass Individualismus, Vielfalt und Skeptizismus tief in der westlichen Kultur verankert sind.“ Wir wollen in einer „natürlichen“ Ordnung mit möglichst viel individueller Freiheit leben, wissen aber, dass wir diese mit künstlichen Mittel organisieren müssen. Dieses Paradox bestimmt auch die Entwicklung der Architektur.
Die offizielle Präsentation ist am Mittwoch, den 6. Oktober 2010 im großen Hörsaal der Architekturfakultät. (the whole article available as PDF-download)
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